Ununterbrochen

Streaks und XY-Tag-Challenges sind derzeit stark in Mode. Wie hoch liegt ihr Rekord? 60 Tage? 100 Tage? - wie wär’s mit 206’225 Tagen und steigend?

Die Rede ist von Ms 59. Der recht unscheinbare Ledereinband im handlichen Format enthält eine Abschrift des Sentenzenkommentars des französischen Franziskanermönchs Franciscus de Mayronis (1280-1328).

BCCFribourg, Ms 59, Vorder- und Rückseite

Doch was macht diesen Band so ausserordentlich?

Die 336 Blatt wurden nicht irgendwo von irgendeiner Hand geschrieben, sondern in Freiburg von Jean Joly. Dieser war im Verlauf seiner Karriere mehrfach Guardian des Franziskanderklosters Freiburg und warMitbegründer der Bibliothek des Konvents. Ausserdem wurde die Handschrift auch nicht irgendwo von irgendwem zu einem Buch gebunden: der Einband stammt aus der klostereigenen Buchbinderei, aus der Hand des Bruders Rolet Stoss. Soweit bereits so bemerkenswert – aber das wirklich erstaunliche ist, dass das Buch seit seiner Anfertigung das Kloster nie verlassen hat. Buchbestände tendieren dazu, sich im Lauf der Zeit zu verteilen - durch Umzüge, Verkäufe, Klosterauflösungen, Schenkungen, Evakuierung vor kriegerischen Konflikten oder Naturkatastrophen oder im Rahmen von religiösen und / oder politischen Ränken.... von all dem blieb Ms 59 verschont.

Dabei sprechen wir hier nicht von einem Zufalls-Fall, der vergessen auf einem Dachboden vor sich hinschlummernd überdauerte. Während all dieser Zeit - über 550 Jahre - war Ms 59 Teil einer aktiv genutzten Bibliothek. Von einer Generation zur nächsten in der Obhut der Gemeinschaft, in einer Stafette über die Jahrhunderte – nie vergessen, nie fallen gelassen. Solche Konstanz sucht ihresgleichen.

Obgleich immer umsorgt, hat die Wanderung durch die Zeit ihre Spuren hinterlassen. Manche zeugen von der Beanspruchung der Benutzung, andere von der Geschichte der Bibliothek. Der aufgerissene Rücken mit grossen Fehlstellen an Kopf und Fuss? - Typische Handlingsschäden. Der Ausbruch an der Oberkante des hölzernen Vorderdeckels? – Hinterlassenschaft der wohl recht unsanften Entfernung einer Kettenklammer und damit Zeugnis der Vergangenheit als Teil einer Kettenbibliothek. Das Anketten der Bücher an Lese- und Aufbewahrungspulte war eine effektive Diebstahlsicherung, die zu jener Zeit auch in anderen Klöstern Verwendung fand.

Ausgerissene Stelle der Klammerbefestigung

Dank der finanziellen Unterstützung der Dreifaltigkeits-Stiftung in Zollikon konnte Ms 59 konservatorisch restauriert werden. Das Buch profitierte von einer gründlichen Reinigung. Risse und Fehlstellen bergen das Risiko von weiterem Schaden und Verlust und wurden gesichert. Die Spuren seiner Geschichte – so wie das Loch der ausgerissenen Kettenklammer – bleiben dem Band als Teil seiner historischen Identität jedoch erhalten.

Während der Trockenreinigung
Ergänzung der Fehlstellen an Kopf und Fuss des Bandes
Vor- und Nachzustand des Rückens

Gestärkt und in einer massgefertigten Box geborgen, reiht sich Ms 59 wieder ein in die Reihe der Überlieferung.

Hier beginnt erneut die eigentliche Leistung des Erhaltens: Fortwährender Schutz und Schirm von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr, von Generation zu Generation.

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