Glückspilze: Dem Lauf der Dinge entkommen

Nichts wird für die Ewigkeit gemacht. Alles hat zu Beginn seiner Existenz eine ungefähre Lebenserwartung: Ein Pappbecher? – einmal Benutzen. Eine Zeitung? Einen Tag und Galgenfrist bis zur Papierabfuhr. Ein Buch? – eine Generation, vielleicht eineinhalb?

Nur ganz wenigen Dingen ist es vergönnt, dem Ende ihrer Existenz in komplett unproportionalem Mass zu entkommen.

Jene Dinge, die in Bibliotheken, Archiven, Museen, Dachböden, Kellern über geraume Zeit schlummern – sie sind die Glückspilze der Zeit, die Tausendsassas, die durch wundersame Fügung ihrem vorgesehenen Vergehen entkommen sind.

Der Handschriften- und Inkunabelbestand des Franziskanerklosters Freiburg ist im Durchschnitt 500 Jahre alt. Viel Zeit, in der ein Buch verloren gehen oder entsorgt werden kann. Viel Zeit, um von Schimmelpilz oder Ungeziefer gefressen zu werden. Viel Zeit in der die Bücher die Reformation, das Ende des Ancien Régime, Klosteraufhebungen im 19. Jahrhundert, einen Dachbrand und nicht zuletzt Generationen von Lesern überlebt haben. Sie haben es auf beinahe wundersame Weise geschafft, ihre Lebenserwartung um ein Vielfaches zu überdauern – sie haben sich behauptet und durchgemogelt.

Die Inkunabel Q140 beinhaltet die Ars minor des Aelius Donatus, ein weit verbreitetes Grundlagenlehrwerk zur lateinischen Grammatik, und das Doctrinale von Alexander de Villa Dei, ein Lehrgedicht für den Lateinunterricht. Bei letzterem handelt es sich um die einzige bekannte, vollständige Ausgabe dieses Textes. Q 140 ist also eine Art frühes Schulbuch – sehr passend dazu sind die unbedruckten Vorsatzseiten, gefüllt mit handschriftlichen Schreibübungen und einigen charmanten Kritzeleien.

Das angekohlte Loch führt vor Augen, wie buchstäblich brenzlig es um das Fortbestehen der Dinge stehen kann. Q 140 verdankt seine Existenz einem Unbekannten, der damals wohl keine Minute zu früh den eindeutigen Geruch des kokelnden Leders bemerkte und beherzt eingegriffen hat. Heute liegt das Schicksal von Q 140 in unseren Händen. Es ist ebenso an uns, dem Abreissen der Überlieferungskette zuvorzukommen, wie es einst an jenem Menschen war, der Q 140 davor bewahrt hat, in Rauch und Asche aufzugehen.

Dank einer konservatorischen Restaurierung wandert Q 140 mit guten Chancen in der Überlieferung weiter: Staub und Schmutz wurden reduziert, arg in Mitleidenschaft gezogene Seiten in Kleinstarbeit gesichert und ergänzt, die lädierte Heftung wieder Funktionstüchtig gemacht und die Risse im Einband geschlossen.

Wobei die Bearbeitung den Spuren der Zeit Rechnung trägt: Das Brandmal bleibt sichtbar erhalten und erinnert weiter daran, wie wenig selbstverständlich es ist, dieses Buch noch in Händen halten zu können. Sicher verwahrt in einer massgefertigten Box, ruht der Band nun weiter in der Bibliothek unter seinen Geschwistern. Diese tragen meist nicht gar so deutliche Male ihrer Vergänglichkeit wie das Brandloch in Q 140. Aber alle haben genau so gekonnt dem Vergehen getrotzt und faszinieren als Zeugen der Zeit. Daher zum Schluss: Vivat, den wackeren Überdauernden!

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